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Kurzbiografie

Dr. phil. Carl Maximilian Roland Anheisser

Kunstmaler, Graphiker, Illustrator botanischer und architektonischer Werke.

Botaniker, Lehrer, Schriftsteller

 

Wird am 18. Dezember 1877 in Düsseldorf geboren und wächst im Rheinland auf.

"Natur und Kunst", wie er seine 1937 erschienenen Erinnerungen betitelt, sind schon in früher Jugend die Angelpunkte seines Lebens.

Doch wie die Mehrzahl aller Künstler muss er "hintenherum" die Künstlerleiter erklettern, da seine Eltern nichts von einem Künstlerberuf wissen wollen.

 

Weil ihm nun Künstler zu werden verwehrt ist, beginnt er eine Gärtnerlehre in Köln, dann in der „Flora“ und ist so wenigstens der geliebten Natur nahe. In der karg bemessenen Freizeit sucht er seine künstlerischen Fähigkeiten zu vervollkommnen. Auf den Wegen zur „Flora“ erlebt er das alte Köln bei all den verschiedenen Tagesbeleuchtungen und sein Wunsch, dies alles zu malen, wurde immer stärker. In dieser Zeit reift der Gedanke Botanik zu studieren.

Seine berufliche Laufbahn als Gärtner ist nur kurz, denn wenig später erlauben ihm die Eltern ein Studium der Naturwissenschaften an der Universität Bonn. Beim Mikroskopieren fällt er seinem Professor Schimper auf, dem seine exakten Zeichnungen so gut gefallen, dass er Anheisser bald den äußerst ehrenvollen Auftrag zu Illustration des großen Werkes "Pflanzengeographie auf physiologischer Grundlage" gibt.

 

Es folgen Studienjahre an der Universität Jena und an der Baseler Kunstgewerbeschule unter Professor Schider. Weitere Illustrationsaufträge für botanische Werke werden bearbeitet.

1. Chun, Wissenschaftliche Ergebnisse der Deutschen Tiefseeexpedition 1898/99 (alle Bände über die Flora der erforschten Festlandteile)

2. Christ, Die Farnkräuter der Schweiz

3. Brandis, Indian Trees

4. Strasburger, Noll, Schenck, Karsten Lehrbuch der Botanik für Hochschulen (teilweise)

5. Karsten, Lehrbuch der Pharmakognosie (teilweise)

 

Wichtige, die künstlerische Entwicklung bestimmende Jahre in Darmstadt und Karlsruhe schließen sich an. In Darmstadt wird Anheissers Interesse an der Baukunst durch ein Studium an der technischen Hochschule geweckt.

Die in Basel begonnene Ausbildung zum Radierer erfährt durch den Besuch der Radierschule in Karlsruhe unter Professor Conz ihre Abrundung und erste Ausstellungen werden mit seinen Werken beschickt.

Bereits 1904 tritt Anheisser als Autor an die Öffentlichkeit. Seine Bücher bringen ihm weit über Deutschlands Grenzen hinaus Anerkennung (siehe Liste Bücher).

Nach seinen Wanderjahren, die ihn durch Frankreich, Belgien, Holland, England, Italien und die Schweiz führen, lässt sich Anheisser in Jugenheim an der Bergstraße nieder. Im zweiten Weltkrieg wird sein Jugenheimer Atelier völlig ausgebombt. Ca. 200 Ölgemälde, zahlreiche Zeichnungen, Radierungen und Aquarelle verbrennen; manches, was in Sammlungen und Mappen aufbewahrt wurde, wird von Anheisser unter Lebensgefahr den Flammen entrissen. Tage später gräbt Anheissers Tochter aus den schwelenden Trümmern eine halbverbrannte Kiste mit Kupferplatten aus, auf denen Anheisser seine Radierungen schuf und rettet damit einen Teil des in Jahrzehnte langer Arbeit entstandenen Radierwerkes, viele der Platten sind durch die Hitze zerstört.

Anheisser verwindet den Schock der Vernichtung eines großen Teils seines Lebenswerkes nie und stirbt am 16.März 1949 nach schwerer Krankheit in Jugenheim an der Bergstraße / Hessen.

 

Siehe auch: Hans Vollmers Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts und Allgemeines Künstlerlexikon (AKL). Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Saur, München und Leipzig 1991ff.,

ISBN 3-598-22740-X

 

 

Eine Rede zum 100. Geburtstag von Roland Anheisser

von Siegfried von Hase

 

SDC18798 

Das Haus der Familie Anheisser in der Lindenstraße in Jugenheim. Radierung von Roland Anheisser.

 

Das Haus nach dem Wiederaufbau

 Haus Jugenheim

 

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

wir feiern heute den 100. Geburtstag von Roland Anheisser, dem Maler und Radierer, dem Jugenheimer Mitbürger, der 30 Jahre in Jugenheim gelebt hat, und dem Vater meiner Frau.

 

Meine Frau und ich danken Ihnen, dass Sie unserer Einladung so zahlreich gefolgt sind. Nur noch wenige unter Ihnen haben Anheisser persönlich gekannt, aber Sie kennen seine Radierungen und vielleicht auch seine Bildbände.

 

An seinem 100.Geburtstag will ich deshalb zurückblicken und versuchen, sein Leben und Wirken

noch einmal an Ihnen vorbeiziehen zu lassen. Als Quelle dient mir dabei seine Lebensbeschreibung,

die er selbst in seinem interessanten Buch „Natur und Kunst. Erinnerungen eines deutschen

Malers“ gegeben hat. Natur und Kunst sind für Anheisser wohl die wesentlichsten Elemente, die sein Leben bestimmt haben.

 

Als Quelle dienen mir weiterhin die vielen Erinnerungen an den Vater, die mir seine Tochter, das heißt meine Frau, erzählt hat.

Heute vor genau 100 Jahren, am 18. Dezember 1877wurde Roland Anheisser in Düsseldorf geboren. Sein Vater, gebürtiger Kölner, war viel in der Weltherumgekommen und hatte sich als Großkaufmann in Düsseldorf niedergelassen. Die Mutter und der Großvater väterlicherseits stammten aus Kreuznach. Der junge Roland Anheisser und seine beidenBrüder Hugo und Siegfried verlebten eine glückliche, sorglose Jugend. Sie tobten in dem Geländedes väterlichen Handelskontors mit den vielfachen großen Lagerhallen herum und lieferten sich heiße Schlachten zusammen mit den Nachbarskindern um den Besitz ihrer Burg, eines Strohschuppens, bewaffnet mit Holzschwertern und Schilden, die sie sich selbst schnitzten. Das Grundstück lag nahe am Rhein, auf welchem damals noch viele Flöße aus Holzstämmen den Fluss hinunter fuhren.

 

Der junge Anheisser hatte zwei Lieblingsbeschäftigungenund auch zwei entsprechende Begabungen: Er malte gern und viel und er hatte einen Blumenkasten im Haus am Fenster, in dem er mit viel Liebe seine Blumen pflegte und selbst heranzüchtete. Außerdem las er gern und interessierte sich besonders für deutsche Geschichte aus einem Jugendbuch.

 

In der Schule malte er auch dauernd, er malte in die Schulbücher viele kleine Bilder, die dem Text entsprachen, manchmal schnitzte er seine Bildwerke auch in die Schulbank hinein oder er portraitierte seine Lehrer mit Tinte auf das Löschblatt. Einmalerwischte ihn sein Lateinlehrer und sah ein großes Portrait von sich auf dem Löschblatt, aber er sagtenur freundlich: „Anheisser, Du wirst mal ein großer Künstler; diese Zeichnung, die geradezu farbig wirkt, darf ich wohl als Andenken an mich nehmen.“ Angeregt durch den Botanikunterricht begann Anheisser,Pflanzen zu sammeln und zu pressen für sein Herbarium, welches viele Jahrzehnte weitergeführt wurde.

 

Sein Lieblingsunterricht war natürlich die Zeichenstunde, besonders die freiwilligen Sonderstunden

für Begabte, wo er viel lernen konnte. Sein Berufswunsch war von je her: Maler werden.

 

In der allerletzten Zeit seines Schülerdaseins, so erzählt Anheisser, begann er die Schönheit und die

künstlerischen Formen der alten Architekturen zu sehen und zu begreifen und die Schönheit der

Altstadt Düsseldorfs wurden ihm immer mehr zu einem inneren Erlebnis. Er spürte immer wieder

die Lust, die alten und schönen mittelalterlichen Häuser und auch Pflanzen zu malen. Aber er merkte auch, dass die Eltern diesen Berufswunsch als nicht rechtschaffen genug ablehnten.

 

So machte er seine Pflanzenliebe zum Beruf und beschloss, Gärtner zu werden. Da sein Interesse an der Schule ständig abnahm, willigten die Eltern schließlich ein und er fing eine Gärtnerlehre an.

 

Auch sein jüngerer Bruder Siegfried musste zunächst auf seinen Künstlerberuf verzichten und wurde schließlich doch Musiker, Musik- und Theaterwissenschaftler mit Doktorgrad und langjähriger Intendant des Rundfunksenders Langenberg bei Köln.

 

Seinem ersten Lehrherrn riss der junge Anheisser aus, weil dort nur Geranien, Gemüse und Gurken

angebaut wurden, wobei er nichts Neues lernen konnte. Der Vater fand eine neue Lehrstelle in der

Flora“, dem botanischen Garten von Köln, wo fast alle Pflanzen der Erde kultiviert wurden und wo

Roland Anheisser mit Begeisterung arbeitete und seine Lehrzeit zu Ende machte.

 

Hier konnte er auch wieder malen und er fand andere malende Kollegen in der „Flora“, wobei sie sich gegenseitig viele Anregungen geben konnten. Die Orchideen im Orchideenhaus der „Flora“ waren Anheissers große Liebe. Hier aquarellierte und zeichnete er in jeder freien Stunde. Sein täglicher Weg zur Arbeit führte fast eine Stunde lang quer durch das alte Köln an all den malerischen Plätzen und Kirchen vorbei. Manchmal stand er im Sommer um 4 Uhr früh schon dort und malte die schöne mittelalterliche Architektur.

 

In der „Flora“ lernte er auch eine ganz neue Berufschance für sich kennen, nämlich die Tätigkeit

eines Wissenschaftlers und Botanikers. Nach beendeter Lehrzeit schickte ihn dazu sein Vater auf

die Universität Bonn.

 

(Bild „Spinifex hirsutus“, Zeichnung Roland Anheissers aus dem

Buch „Pflanzengeographie auf physiologischer Grundlage“

von Andreas Friedrich Wilhelm Schimper, 1898)

 

Er wurde Student der Naturwissenschaften mit Botanik als Hauptfach. Nach der langen Zeit schwerer körperlicher Arbeit mit strengem Zeitplan über den ganzen Tag, – so erzählt er in seiner

Biographie –, fühlte er sich an der Uni ganz besonders frei, – ein unabhängiger Herr seiner selbst, der nur noch geistige Arbeit leistet und frei über seineZeit verfügen kann. Er nutzte diese Freiheit, um seiner geliebten Kunst, dem Malen und Zeichnen

richtig Raum zu geben.

 

Anheissers Zeichenkunst war in den letzten Jahren so gut geworden, dass er damit sehr bald seinen

Professoren an der Universität auffiel. Ich habe noch ein Kollegheft Anheissers aus dieser Zeit,

wo zwischen dem Vorlesungstext ganz hervorragende exakte und schöne Zeichnungen von Pflanzenteilen eingestreut sind. Sein Professor Schimper ließ sich eine Auswahl seiner Pflanzenbilder zeigen und bot Anheisser dann die Mitarbeit als Illustrator an seinem

neuen Buch über die „Pflanzengeographie“ an.

 

Der junge Student wagte die große Aufgabe, nahm an und begann die Illustration des großen Werkes, das sehr berühmt wurde und in alle Kultursprachen übersetzt wurde.

 

Infolge der intensiven und guten Zusammenarbeit und der gegenseitigen Achtung vor dem Können des Anderen entstand eine enge Freundschaft zwischen Schimper und Anheisser. Sie unternahmen Reisen zusammen, Schimper zeigte Anheisser seine Heimat, das Elsass, und Anheisser zeichnete dort viele Landschafts und Architekturbilder, die er später in seinem Bildband „Im Oberelsass“ veröffentlichte. Als Schimper Bonn verließ, um an einer Expedition auf dem deutschen Forschungsschiff „Valdivia“ mitzumachen, wechselte Anheisser die Uni und ging nach Jena.

 

Wie es ihm in Bonn mit Schimper gegangen war, genauso ging es in Jena mit Haeckel. „Sie haben ja ein wundervolles Talent, kommen Sie doch morgenmal zu mir.“, sagte Professor Haeckel, als er im Praktikum eine seiner Zeichnungen sah. So lernteAnheisser Ernst Haeckel gut kennen. Haeckel war ursprünglich Maler gewesen, um dann zur Zoologie überzugehen. Daraus ergaben sich vielegemeinsame Interessen.

 

In Jena machte Anheisser seinen Doktor. Damit war Anheissers botanisch-wissenschaftliche

Ausbildung abgeschlossen. Er verließ Jena und ging nach Basel, wo inzwischen sein alter Professor

und Freund Schimper von der Expedition zurückgekehrtwar und den Lehrstuhl für Botanik

übernommen hatte. Dr. Anheisser wurde Assistent und übernahm die Illustrierung des Expeditionsberichtes.

 

Es war ein großer Auftrag, der ihn mehrere Jahre beschäftigte, zumal die Pflanzen noch unausgepackt und ungeordnet in den großen Zinkkistentropensicher verlötet lagerten. Leider starb Schimper früh an einer schweren Malaria, die er sich von der Expedition aus dem Kongogebiet mitgebracht hatte.

 

Der Tod seines Freundes Schimper wurde ein Wendepunkt in Anheissers Leben. Der einstige Expeditionsleiter Professor Chun aus Leipzig bot Anheisseran, die Stelle von Schimper bei der Weiterbearbeitung der Expeditionsergebnisse zu übernehmen, das heißt auch den wissen-schaftlichen Teil zu machen. Damit wäre Anheissers Laufbahn zum Universitätsprofessor vorgezeichnet gewesen. Doch Anheisser war der Wissenschaft schon längst untreu geworden und hatte in Basel ein Kunststudium angefangen. Er lehnte ab und führte nur die Illustrationen weiter.

Er hatte zudem noch einen anderen Illustrationsauftrag und machte die Zeichnungen für das Buch: Christ: „Die Farnkräuter der Schweiz“.

In Basel gab es eine gute Kunstgewerbeschule. Hier unterrichtete Professor Schieder, ein hervorragender Portrait- und Figurenmaler, der besonders auf die richtigen Proportionen und die richtige Anatomie beim Malen von menschlichen Körpern achtete. Er war aber auch ein ebenso guter Aquarellist und konnte vor allem sein großes Können gut weitergeben, so dass Anheisser nach jeder Korrekturstunde große Fortschritte in der sicheren und schnellen Pinselführung spürte. Auch die Technik der Lithographie und der Radierung lernte er in Basel, was er später an der Karlsruher Kunstakademie fortführte und auch in London, wo er die Technik des bekannten englischen Radierers Whistler studierte, während er lange Zeit im botanischen Institut

in Kew Gardens in London ein englisches Standardwerk über Indiens Pflanzenwelt: Brandis. „Indian Trees“ illustrierte.

 

Von Basel nach Darmstadt führte ihn die Arbeit an dem Expeditionsbericht, wo er im botanischen

Institut mit Professor Schenk zusammenarbeitete, der den wissenschaftlichen Text als Nachfolger

Schimpers weiterführte. Hier beendete Anheisser die Illustration des Berichtes über die Ergebnisse

der Tiefsee-Expedition „Valdivia“. Während dieser Zeit malte er viel in einem Atelier in der Künstlerkolonie Darmstadt.

Zuletzt wohnte er in Karlsruhe als freischaffender Künstler und malte an der dortigen Kunstakademie, die der große alte Meister Hans Thoma leitete. Unter dessen Einfluss gab es unter

den Künstlern in Karlsruhe einen guten Zusammenhalt und gute fachliche Zusammenarbeit und

große künstlerische Aktivitäten, also eine ideale Atmosphäre, in der Anheisser sich sehr wohl fühlte.

 

Die Schilderung von Anheissers beruflichem Werdegang hört sich an wie ein Daueraufenthalt in

botanischen Instituten. Wenn man aber in seinen Erinnerungen im Kapitel „Malen, Zeichnen, Wandern“ blättert, so entsteht ein anderer Eindruck – so als wäre er in der gleichen Zeit nur in der Landschaft unterwegs gewesen mit seinem Mal- und Zeichengerät und hätte gezeichnet und gemalt. Er hat während der Zeit wirklich systematisch das ganze Niederrhein-Gebiet, Baden-Württemberg mit Elsass, Thüringen, den Odenwald und die Gegend um Darmstadt und noch die gesamte Schweiz

durchgekämmt und alle landschaftlich und architektonisch schönen Motive in seinen Zeichnungen

festgehalten. Offenbar hat er durch großen Fleiß beides vereinbaren können, denn er hat neben seinen Illustrationen im Laufe der Jahre etwa fünf bis zehn Tausend Zeichnungen und Aquarelle gemalt und sie in großen Mappen geordnet und gesammelt. Er hat diese Bilder nie aus der Hand gegeben, sondern sie später als Archivmaterial benutzt und sie überarbeitet, um daraus Bildbände zu gestalten und seine wunderbaren Radierungen zu machen.

 

Das Reisen, Wandern, Malen hörte auch nicht auf, als Anheisser 1910 heiratete. In Leipzig und Jena

war Anheisser öfter von Ernst Haeckel zu Geselligkeiten mitgenommen worden, die dort von einflussreichen Familien gegeben wurden und zu denen gerne Künstler und Wissenschaftler eingeladen wurden. Hier lernte Anheisser seine spätere Frau Margarethe von Hase, eine Tochter aus dem Verlagshaus Breitkopf und Härtel, kennen. Nach der

Hochzeit reiste sie mit ihm auf die „Malen, Zeichnen, Wandern-Tour“, hielt den Sonnenschirm oder

auch den Regenschirm und die Wasserflasche zum Aquarellieren und vertrieb die Neugierigen,

die ihren Mann bei seiner Arbeit störten. Die beiden hatten glückliche gemeinsame Wanderjahre, sie durchstreiften Südtirol, Norditalien und die Schweiz und brachten viele Mappen mit Bildern

nach Hause.

 

Im Jahr 1918 kauften sie sich ein Haus und wurden sesshaft. Das Haus musste natürlich in einer schönen Gegend mit mildem Klima liegen, und sie fanden es in Jugenheim an der Bergstraße. Das Haus war groß und hatte große Räume, die als Malerateliers geeignet waren, wo auch die Herstellung von Radierungsplatten und das Drucken von Radierungen auf der eigenen Druckpresse möglich waren.

 

Und das Haus hatte einen sehr großen Garten, den Anheisser im Laufe der Jahre in einen regelrechten botanischen Garten umwandelte. Die Nachbarn beobachteten, wie er sich große Steine holte und sie auf die Beete legte und ganze Hügel aus Steinen baute. Wenn er dann mit der Gießkanne hantierte sagten sie kopfschüttelnd: „Der Professor Anheisser gießt wieder sein Steine!“ – Heute hat jeder einen Steingarten. Im Jahr 1924 kam auch eine Tochter in die Anheisser’sche Familie durch Adoption eines verwaisten Mädchens, welches viel Verständnis für die Kunst ihres Vaters entwickelte.

 

Hier in Jugenheim reifte das Lebenswerk Anheissers. Er stellte Bildbände zusammen aus der Fülle

seiner Zeichnungen, teilweise mit verbindendem Text, und gab insgesamt 14 solche Bücher heraus.

Anheissers bedeutendstes Buchwerk ist die wissenschaftlich-systematische Zusammenstellung aller

wichtigen alten Bauwerke mit kunsthistorischemText, das Buch über „Das mittelalterliche Wohnhaus in deutschstämmigen Landen“. Es erregte großes Aufsehen und viele führende Persönlichkeiten schrieben Anheisser: z. B. Hindenburg, Mackensen, der Abt von Maria Laach, (bei dem später Adenauer Zuflucht fand), der ehemalige Kaiser und viele Fachleutesprachen ihre Anerkennung aus.

 

Seine bekanntesten Bücher wurden die ersten beiden Bände seiner neuen Bildbandreihe, welche

kurz vor Kriegsbeginn herauskamen. Es waren: „Flandern und Brabant“ und „Das deutsche Elsass“.

Weitere fünf Bände hatte er im Manuskript fertig, es wären wohl seine schönsten und malerischsten

geworden mit den Orchideen-Aquarellen und anderenBlumenbildern.

 

Hier in Jugenheim schuf er auch die meisten seiner Radierungen. Es waren zuletzt etwa 200 Platten

mit Bildern aus ganz Europa. Besonders Anheissers Architekturmotive wurden durch die strenge

Schwarz-Weiß-Wiedergabe der Radierungen zuwunderbaren, eindrucksvollen Bildern.

 

In Jugenheim malte Anheisser auch seine wunderbaren Ölbilder. Wir haben noch einige seiner Alpenbilder, die Sie, meine Damen und Herren, bei dem anschließenden Rundgang durch unsere Wohnung zusammen mit den geretteten Radierungen und Zeichnungen sehen werden.

 

Im Jahr 1942 fielen Brandbomben auf das Anheisser’sche Haus und es brannte vollständig aus. Die Nachbarn halfen bei der Rettung des Hausrates und der Bilder, doch der Hauptteil von Anheissers Lebenswerk verbrannte, die Druckplatten verglühten und die Ölbilder aus dem Atelier wurden

hochgewirbelt und flogen brennend durch den Nachthimmel. Anheisser und seine Frau erhielten von hilfreichen Freunden eine Wohnung und er versuchte über den Verlust seines Lebenswerks hinwegzukommen.

 

Er begann zusammen mit seiner Tochter das Haus wieder aufzubauen. Die Tochter und ein Freund aus ihrer Konfirmandenzeit schippten ein Jahr an der Baustelle, dann war der Trümmerschutt

verschwunden. Nach der Währungsreform ging der Wiederaufbau sehr schnell voran, aber als das

Haus 1948 fertig wurde, waren auch Anheissers Kräfte aufgebraucht. Er starb am 16. März 1949.

 

Diese Ansprache wurde im Dezember 1977 im ehemaligen Wohnhaus Roland Anheissers, in Jugenheim in der Lindenstraße 9, gehalten.